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Berichte aus Albanien 2012

Fr 28.09.2012: Segeln vom Feinsten von Korfu (GR) nach Sarandë (ALB) durch die Meeresenge zwischen Griechenland und Albanien

 

40. Fahrttag (16 sm): Heute nehmen wir die kurze Überfahrt von Korfu in Griechenland nach Sarandë in Albanien unter den Kiel. Etwas wehmütig, aber wie geplant, legen wir um 10:00 Uhr von der malerischen Limani Mandraki ab und lenken ASANA auf Kurs 10 Grad durch das flache Wasser. Kein Lüftchen regt sich. So schalten wir um 11:00 Uhr eine Bade- und Essenspause ein. Um 12:Uhr, gerade haben wir unsere 1600. Seemeile mit ASANA auf dem Meer zurückgelegt, setzt ein leichter NW-Wind ein. Freudig setzen wir die Segel und geniessen die leise Fahrt von ASANA.

 

Um 12:40 Uhr verlassen wir nach 17 ½ Monaten die EU und fahren in albanische Gewässer ein. Mit einer Yacht unter Schweizer Flagge dürfen wir höchstens 18 Monate in der EU unterwegs sein, sonst würden Einfuhrzoll und Mehrwertsteuer fällig! Wir setzen unter der Steuerbordsaling die albanische Gastflagge und die gelbe Flagge "Q" zum Zeichen, dass wir in Albanien einklarieren wollen. Früher setzte man diese Flagge auch zum Zeichen, dass alle Personen an Bord gesund sind und das Schiff somit nicht in Quarantäne muss! Die Stadt Korfu verschwindet langsam im Dunst und vor uns breitet sich die Stadt Sarandë aus. Der Wind nimmt stetig zu. Nun zeigt ASANA ihre Stärke. Bei 3 Windstärken gleitet sie bei 40 Grad am Wind mit 5.5 bis 6 Knoten Fahrt. Wir jubeln! Herrlich, dieses Segelerlebnis! Viel zu schnell sind wir vor dem Hafen Sarandë, der einer riesigen Baustelle gleicht! Offensichtlich wird hier ein neuer Fährhafen gebaut. Finden wir wohl einen Platz? Nach der Baustelle öffnet sich eine kleine Einbuchtung. Dort steht links ein kleines, altes Tragflügelboot. Auf der rechten Hafenmauer winken uns zwei Herren herein und helfen beim längsseitigen Anlegemanöver zum einzigen Gästeplatz. Es stellt sich heraus, dass einer der beiden Niko heisst und ein Mitarbeiter des hiesigen Hafenagenten ist, bei dem wir uns per Mail angemeldet haben (albanische Kuriosität). Der andere ist der Migrationspolizist Nr. 05955, Ferman, der Stadt Sarandë, welcher alle An- und Ablegemanöver von Schiffen beobachtet. Beide sind sehr zuvorkommend und machen uns u.a. darauf aufmerksam, dass wir alle Uhren wieder eine Stunde zurückstellen sollten! Sie zeigen uns die Elektrisch- und Wasseranschlüsse wie auch das WC im Zollgebäude und geben uns, zu unserem Erstaunen, das Passwort für das W-LAN. Spontan fährt Niko sogar mit mir durch die halbe Stadt auf der Suche nach einem Übergangsstück, weil unser Elektrisch-Stecker hier in Albanien nicht passt! Die Furcht vor der albanischen Bürokratie erweist sich als unbegründet. Wohl ist man, als einlaufende Yacht, verpflichtet einen Agenten aufzusuchen, dieser erledigt jedoch alle Formalitäten wie das Einklarieren, die Zollformalitäten und die Navigationsbewilligung für Albanien, was uns inklusive der ersten Übernachtung 50 Euro kostet.

 

Der Unterschied zum Hafen von Korfu könnte kaum grösser sein! Hier sind wir das einzige Gastboot, dort liegen Dutzende von Langzeitseglern! Hier wartet nur eine kleine, alte Fähre, in welcher gerade ein Personenwagen Platz findet, dort drüben zwei bis drei Kreuzfahrtschiffe und ein halbes Dutzend Fähren, welche Tausende von Touristen für die Stadt- und Inselbesichtigung ausladen! Hier ein Muezzin, der zum Gebet aufruft, dort Glocken von unzähligen Kirchen, welche die Gläubigen zum Gottesdienst einladen! Hier rattern alte Mercedes durch die Strassen, dort stauben die Chauffeure ihre blitzblanken, neuen Mercedes mit Wedeln ab! Hier Einheimische, welche in den Gassen und Lokalen laut diskutieren! Dort geführte Reisegruppen und Touristen, welche sich durch die Einkaufsstrassen schlängeln! Dort hat uns der Charme des Orts begeistert, hier fasziniert uns der leicht orientalische Hauch!

 

Bei einem griechisch-stämmigen, albanischen Wirt lassen wir uns am ersten Abend hier mit einem grossen, gemischten Salat, einem feinen Fisch und einheimischem Weisswein verwöhnen. (Toni)

 

 

Sa 29.09.2012: Hafentag in Sarandë

 

Ich sitze im Cockpit und lasse den Blick über die Bucht schweifen, in welche Sarandë gebaut ist. Eintönige, 5 – 7 Stockwerke hohe Einheitsbauten aus kommunistischer Zeit reihen sich aneinander und prägen so das Stadtbild. Die wenigen, in jüngster Zeit umgebauten Häuser mit ihren bunten Fassaden stechen richtig heraus. Mehr als jedes zehnte Haus ist wegen Geldmangel unvollendet oder wegen fehlender Baubewilligung durch die Behörden unbenutzbar gemacht. Der Kiesstrand ist ein Kilometer lang und mit einigem Unrat versehen! Für ein Bad ist er vom Hafen aus bequem zu Fuss in 5 Minuten erreichbar. Dahinter ragen mächtige Eukalyptusbäume in den Himmel. Oberhalb des Stadtrands steigen kahle, braunbeige, mit wenigen Bäumen durchsetzte Berghänge bis auf 1500 m Höhe an.

 

In den Strassen dominieren Mercedes jeden Alters und es herrscht sehr wenig Disziplin, schon eher Chaos. Als Fussgänger muss man sich in Acht nehmen, aber nicht nur vor den Autos, sondern auch vor rasenden Motorrädern und noch mehr vor den Rissen, Spalten und Löchern auf dem Trottoir. Die Verkaufsgeschäfte haben, nach unserer kurzen Erfahrung, nach Lust und Laune offen oder geschlossen. Hier gibt es auch keinen Unterschied zwischen Sonntag und Werktag. Man arbeitet eben sieben Tage in der Woche!

 

Aus den Bars und Kaffees schallen abends laute Diskussionen von Einheimischen, und in den wenigen Restaurants, welche noch geöffnet sind, herrscht gähnende Leere! Auf unseren Spaziergängen durch die Stadt erleben wir immer wieder die entgegenkommende Freundlichkeit der Albaner. Kaum stehen wir und halten Ausschau, wird uns Hilfe angeboten! Wenn sie gar erfahren, dass wir Schweizer (Zviceran) sind, blühen sie richtig auf und wissen erstaunlich viel über die Schweiz, nicht nur über Shaqiri! Sicher viel mehr, als wir über Albanien wissen!

 

Zu Hause und unterwegs wurden wir regelmässig auf eine mangelnde Sicherheit in Albanien angesprochen. Bis jetzt haben wir alles andere erlebt. Die 300 Polizisten in Sarandë agieren diskret, aber bestimmt, und oft in Zivil. Wiederholt wurde uns bestätigt, dass es hier kein echtes Sicherheitsproblem gäbe. Wir fühlen uns auch sicher, selbst wenn wir nach dem Eindunkeln durch die Gassen flanieren. Im Hafen erst recht. Weil es hier nur einen kleinen Hafen gibt, hat er auch die Funktion eines Zollhafens. Ist somit rund um die Uhr bewacht. Die Zöllner, Hafenangestellte und Polizisten kennen uns unterdessen bestens. Pro Tag machen hier höchsten zwei bis drei kleinere Fährschiffe Halt. So hat das Personal meistens Zeit für ein Gespräch oder einen Kaffee. Mit Ferman, dem Migrationspolizisten, haben wir inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis. Bei einem Glas albanischem Riesling auf ASANA erzählt er uns in emotionalen Worten die bewegte und leidgeprüfte Geschichte der letzten 100 Jahre seiner albanischen Heimat. Fehlende Sprachkenntnisse werden mit Zeichnungen und Körpersprache ausgeglichen!

 

Als einziges Gastsegelschiff fühlen wir uns im Hafen von Sarandë sicher und gut aufgehoben. Nachts ist es absolut ruhig. Die ersten und die letzten Klänge ertönen vom Muezzin. (Toni)

 

 

So 30.09.2012: Abenteuerlicher, 7-stündiger Ausflug mit Taxi in die Umgebung von Sarandë

 

Am heutigen Sonntag möchten wir mit dem Bus die berühmte und geschichtsträchtige Ausgrabungsstätte und den salz- und süsswasserhaltigen See von Butrint besuchen. Ein paar Schritte von ASANA weg aber laufen wir Maksim, einem Taxi-Fahrer, in die Arme. Er überzeugt uns in einem recht guten Deutsch, welches er aus Büchern gelernt hat, statt mit dem Bus mit ihm zu fahren. Es gibt keine Fahrpläne in Sarandë, und wie uns verschiedene Leute erklärt haben, fahren anscheinend  die Busse Ende Saison nur noch sporadisch oder wenn sie voll sind!  Wie praktisch alle Taxis hier fährt auch Maksim einen Mercedes älteren Jahrgangs. Die Fahrt mit ihm über teils neue, breite, dann wieder holperige, schmale und beschädigte Strassen gestaltet sich sehr abwechslungsreich: der Küste entlang in südlicher Richtung zu den wunderschönen kleinen Sandstränden und Buchten der Halbinsel Ksamil, vorbei an Zitronen- und Orangenbäumen, Olivenplantagen, friedlich grasenden Schafen und Ziegen und hoppla: ein Hirte mit einer Schar von Truthähnen zieht uns halb auf der Strasse entgegen. Alle lassen sich gerne fotografieren und sogar filmen!

 

Die Ausgrabungsstätte Butrint beeindruckt uns durch ihre friedvolle Atmosphäre in einer wunderschönen Landschaft. Ebenso friedvoll liegt der türkisfarbene See von Butrint vor uns; Muscheln werden hier gezüchtet. Bei Ebbe strömt Süsswasser ins Meer, bei Flut Salzwasser in den See, daher besteht er 50 zu 50 % aus Süss- und Salzwasser. Auf einer uralten Fähre, besser einem rostigen Floss, kann man über den Vivar-Kanal das andere Ufer erreichen.

 

Maksim führt uns weiter zum Kloster Mesopotami, welches die grösste noch erhaltene byzantinische Kirchw Albaniens enthält, geweiht dem heiligen Nikolaus. In der Nähe trägt ein Traubenbaum seine Früchte!

 

„Möchten Sie Grappa kaufen?“ Warum nicht? Maksim fährt mit uns den Hügel rauf, vorbei an Weintrauben, zu einer befreundeten Familie. Auf der schattigen Terrasse dürfen wir zu einem herzlichen alten Ehepaar mit Enkelin sitzen und verweilen. Der nach der Degustation erstandene Grappa wird uns in einer PET-Flasche überreicht! Die Oma weist die Enkelin an, für uns frische Trauben zu ernten; sie schmecken wunderbar, fast wie unsere „Bettseicherli“ aus dem Tesssin! Mit vielen guten Wünschen verabschieden sich die sympathischen Gastgeber von uns.

 

Nun folgt ein weiterer Höhepunkt, das Blue Eye oder Syri i Kalter! Es ist ein kleinster Bergsee mit 10o kaltem, glasklaren und türkisgrünem Wasser, inmitten eines uralten Eichenwaldes, gespeist durch unterirdische Quellen. Eine Wohltat für alle Sinne und alle heissen Füsse!

 

Der Hunger meldet sich! Im Schatten der Bäume sitzen wir direkt am Wasser in einem kleinen Beizli, das von aussen wirkt wie ein altes Schiff! Der aufgetischte „weisse Käse“, eine albanische Art Feta, das frisch geröstete Brot und das kühle, frische Quellwasser munden uns ausgezeichnet!

 

Auf der Rückfahrt zeigt Maksim nochmals seine grossen Fahrkünste! Sehr selten zwei Hände am Steuer, vor jeder Kurve mehrmaliges Hupen, das Ausweichen vor den gröbsten Schlaglöchern, die rasante Beschleunigung auf geraden, asphaltierten Strecken! Maksim muss von einem mächtigen Schutzengel behütet sein, und auch die Unsrigen breiten ihre starken Flügel aus!

 

Am Berg Lëkurës mit seinem auf den Grundmauern einer ehemaligen Burg erstellten Restaurant vorbeifahren, nur weil wir recht müde sind? Das lässt Maksim nicht gelten; die herrliche Panoramasicht sei die fünf Minuten Fahrt alleweil wert! Und das ist so! Von der Terrasse aus erblickt man die Insel Korfu, die Stadt Sarandë, die Ksamil-Halbinsel, den See von Butrint und natürlich das im Sonnenlicht glitzernde Meer! Niedrige, in strahlendem Gelb leuchtende Heilpflanzen, unseren Herbstzeitlosen ausser der Farbe nicht unähnlich, setzen Farbtupfer an den Wegrändern. Der Abstecher hat sich gelohnt!

 

Einige Km später entlässt uns Taxi-Fahrer Maksim mit vielen guten Wünschen vor dem Hafen, Kopf und Herz nach ca. 7 Stunden Unterwegs-Sein voller intensiver Eindrücke. Bei einem Käfeli im Cockpit von ASANA lassen wir diesen Mega-Ausflug nochmals Revue passieren. – Bus oder Taxi? Niemals hätten wir mit dem Bus so vieles sehen und erleben dürfen! Und am Schluss sind alle zufrieden: wir mit dem vielen Gebotenen und Maksim mit dem Tagesverdienst für seine sechsköpfige Familie!

 

Später, der Reis-/Gemüseeintopf köchelt vor sich hin, stellt sich nochmals Polizist Ferman zu einem kurzen Apéro ein. Vermutlich wird es einige Zeit dauern, bis er wieder Gelegenheit findet, auf einem Segelschiff aus Zvicra zu „apèrölen“! Morgen will er uns zu sich nach Hause, nahe am Hafen, einladen. Ob es wohl klappt? (Lina)

 

 

Mo 01.10. – Sa 06.10.2012: Oktoberbeginn und Hafentage in Sarandë

 

Kaum zu glauben für uns Schweizer: Oktober und 30 Grad im Schatten! An solchen Hafentagen schätzen wir das Sonnenverdeck von Ruth (Segelklinik Wädenswil).

 

Eigentlich wollten wir am Montag Richtung Porto Palermo (Albanien) starten. Weil aber mein Rücken etwas streikte, haben wir Ruhetage eingeschaltet. Schlafen – Lesen – Berichte schreiben – Fotos bearbeiten – Yogaübungen - Kaffee und albanischen Raki (Grappa) in der Hafenbar trinken – Kontakte pflegen zu Polizisten, Zöllnern, Mitarbeitern von Fähren usw., - Einkaufen – LEK dem Bankomaten der hiesigen Raiffeisenbank entlocken – Belege sortieren und ablegen - Homepage direkt vom Kartentisch von ASANA aus aktualisieren mittels W-LAN vom Hafen (dies in Albanien!) – X-Mal ASANA anders vertäuen (an geänderte Verhältnisse anpassen) - und schon sind die Tage vorbei wie im Flug!

 

Apropos Kontakte pflegen

 

Am Dienstag, 2. Oktober 2012, (Märtel, wir gratulieren Dir zum Geburtstag!) trifft doch tatsächlich eine zweite Segelyacht hier in Sarandë ein, und erst noch mit deutsch sprechender Crew! Dirk und Marc aus der Hansestadt Hamburg mit einer 35-Fuss-Yacht freuen sich über den gemeinsamen Apéro auf ASANA. Als bereits „erfahrene“ Albanien-Kenner empfehlen wir den beiden eine Fahrt mit Taxi-Fahrer Maksim, weil dieser sehr gerne deutsch spricht! Ganz enthusiastisch kehren Dirk und Marc am nächsten Abend von der Rundreise mit Maksim zurück, ebenso voller positiver Eindrücke wie wir am Sonntag! Unser Vorsatz, einige wenige Schritte auf festem Boden zu unternehmen, endet um die Ecke bei der deutschen Segelyacht zu einem Abschiedstrunk!

 

Es ist Donnerstag, der 4. Oktober 2012: die deutsche Yacht legt ab, eine neuseeländische Yacht mit einem Ehepaar, welches seit 14 Jahren rund um die Welt segelt, macht an der Pier fest! Auch bei ihr weht unterhalb der albanischen Gastflagge die gelbe Flagge „Q“ zum Einklarieren. Im Gespräch ergibt sich, dass auch diese Segelyacht aus dem EU-Raum „geflohen“ ist, wie ASANA, weil die 18 erlaubten Monate abgelaufen sind! Wir empfehlen den beiden den Besuch von Butrint, von wo sie am nächsten Tag begeistert zurückkehren!

 

Mit viel Freude begeben wir uns auch heute am späten Nachmittag in die Hafenbar zum Käfeli, Wasser und albanischen Raki. Spricht uns doch da ein Mann in gebrochenem Schweizerdeutsch an: Illir, ursprünglich ein Kosovo-Albaner, zückt spontan seinen Schweizer-Pass! Zusammen mit seinem hiesigen Freund David lernt er seine ursprüngliche Heimat näher kennen. Mit Begeisterung begrüsst Illir uns Schweizer und erläutert uns, dass die Schweiz während der Balkan-Kriegsjahre sehr viel für den Kosovo getan habe. Den allermeisten Albanern ist dies anscheinend bekannt, und wir verstehen langsam, warum man uns hier überall mit offenen Armen und so viel Herzlichkeit empfängt! Stellt Euch vor: welcher Schweizer umarmt einen Fremden, welchen er vor fünf Minuten kennen gelernt hat? Es geht noch weiter: Illir möchte uns als Schweizern etwas zurückgeben. Spontan lädt er uns zusammen mit David zu einem reichhaltigen Nachtessen mit traditionellen einheimischen Gerichten ein. Unter uns rauschen die Wellen des bewegten Meeres, der Mond lässt die „valonas“ glitzern, und von weitem erblicken wir das zustimmende Nicken von ASANA! Ein rundum gelungener Abend!

 

Es ist Freitag, der 5. Oktober 2012, und plötzlich rumpelt es unter unserem Schiff! Einerseits Ebbe, anderseits der Wassertank vorne im Bug bald leer! Der herbeigerufene Taucher, welcher mit der Unterwasser-Reinigung des neben uns liegenden Tragflügelbootes beschäftigt ist, stellt fest, dass das Ruder einen Stein berührt. Er entfernt den Stein und rät uns, ASANA um rund einen Meter nach vorne zu verschieben. Natürlich befolgen wir seinen Rat! Erst füllen wir unseren Wassertank im Bug, dann machen wir uns Gedanken über die Reihenfolge, in welcher wir die acht (!) Belegtaue verändern wollen, ohne dass ASANA beim bestehenden starken Schwell an die längsseitige Quaimauer schlägt und Schaden nimmt. Rund eine Stunde nimmt das Ausbalancieren der Taue in Anspruch! Langweilig? Der eigene Kafi im Cockpit scheint uns sehr verdient!

 

Nach einigen leichten Yoga-Übungen ist auch noch Mani-, Fudi-, Pedicure fällig, Haare waschen, Dusche auf der Heckklappe, ein Espresso im Café, und schon ist die Sonne weg! Die Temperaturen sind sehr angenehm, so um die 26 Grad; nachts geht’s runter bis etwa 20 Grad. Im Moment ist es 21.00 Uhr; ein sehr unangenehmer Schwell, basierend auf dem starken Seegang auf dem offenen Meer, lässt ASANA kräftig in die Taue fahren (und wir hoffen, dass alle halten!)

 

Heute Samstag, 6. Oktober 2012, schlafen wir lange aus und erlauben uns auch noch ein Nachmittagsschläfchen im Cockpit. Yogaübungen wecken unsere Glieder wieder, bevor wir eine letzte Einkaufsrunde in Sarandë drehen. Der Inhaber des Minimarket, bei welchem wir den einheimischen Riesling kaufen, erzählt uns, dass sein Vater 48 Jahre als Gynäkologe in der Maternité von Sarandë gearbeitet habe und jetzt eine Pension von nur € 150.00 im Monat beziehe! Typisch Albanien!

 

Auf der Strasse kommen wir sogleich wieder ins Staunen: Da steht doch ein blauer PW mit selbst hergestellten Schweizer Nummernschildern „BE 6153“ ist in einem anderen Schrifttyp geschrieben als unsere Originale und das Kantonswappen von Zürich prangt darüber! Das Schweizerkreuz ist jedoch richtig dargestellt. Unglaublich, dieser PW fährt bei der Grenzpolizei ein und aus!!!

 

Die Wind- und Wetterprognosen für morgen sind günstig. So beabsichtigen wir, früh die Reise Richtung Vlorë fortzusetzen und bereiten ASANA dazu vor. Anschliessend genehmigen wir uns auf der Terrasse der Hafenbar bei 26 Grad einen letzten Kaffee mit Raki und verabschieden uns von den Grenzpolizisten und dem Wirt. Die Grenzpolizisten bedauern, dass sie uns keinen Ausreisestempel in den Pass drücken können!

 

Wie an jedem Abend zuvor taucht die untergehende Sonne die Kulisse der Stadt in ein warmes, goldenes Licht, und ein grosser Schwarm von Krähenvögeln zieht seine Bahnen mit lautem Gekreische um die hohen Eukalyptusbäume auf der Suche nach Schlafplätzen. Um 18:30 Uhr läuten Kirchenglocken zur Abendmesse, und eben jetzt um 19:44 ruft der Muezzin zum Gebet. Wo sind wir? Eben in Albanien mit einer in Sachen Religionszugehörigkeit sehr liberal denkenden Bevölkerung. Zum Beispiel Maksim, unser Taxichauffeur, ist selber katholisch, sein Vater Muslim und seine Mutter griechisch-orthodox! Wir Schweizer hätten da noch einiges zu lernen!  (Toni und Lina)

 

 

So 07.10.2012: Sonnige Fahrt von Sarandë aus entlang der imposanten, albanischen Riviera, vorbei an Palermos, über die Buchten Grama Bay und Bristany Bay nach der Marina Orikum bei Vlorë

 

41. Fahrttag (70 sm): 04:30 Uhr: Der Wecker klingelt unbarmherzig. Lieber würden wir weiter schlafen, die grosse Distanz nach Vlorë lässt dies aber nicht zu. Also aufstehen, Strom einschalten, Kaffee brauen, Tee kochen und langsam wach werden! Die Navigationsbewilligung der Hafenbehörde hat uns Niko noch gestern Abend überreicht. So können wir bereits um 06:00 Uhr ablegen und in die aufkommende Morgendämmerung auslaufen. Auch die neuseeländische Crew verlässt Sarandë kurz nach uns mit Kurs auf Korfu. Wir verabschieden uns und werden uns vermutlich kaum wieder sehen! Typisch für Langfahrtensegler!

08:10 Uhr: Wir setzen zur Unterstützung des Motors das Gross-Segel und kurze Zeit später auch die Fock. Der Wind ist jedoch zu schwach, um den Motor abzustellen. Bei der Überquerung des 40. Breitengades bergen wir mangels Wind die die Segel wieder.

12:00 Uhr: Wir besuchen die schöne Tagesankerbucht Grama Bay.

13:45 Uhr: Wir kurven in die Bristany Bay, bei den Albanern Orsos Gjiri genannt. Auch hier fallen und die Einmann-Bunker aus kommunistischer Zeit auf. Von diesen gibt es tausende längs der albanischen Küste. So ganz langsam zerfallen sie! Die beiden Buchten sind auf der langen Strecke zwischen Sarandë und Vlorë die einzigen Anker-Plätze, welche aber für eine Übernachtung ungeeignet sind!

15:00 Uhr: ASANA segelt von nun an geographisch im adriatischen Meer.

16:50 Uhr: Im Hafen von Vlorë stellen wir fest, dass es nur Platz gibt für eine grosse Fähre, nicht aber für kleine Segelyachten! Also rechtsumkehrt Richtung Marina Orikum, rund eine Stunde weiter südlich! Ausgerechnet jetzt setzt der Wind in Stärke 3 – 4 voll aus Süden ein und wirft innert Kürze spritzige Wellen auf! Nun sind wir dankbar um den starken Motor von ASANA, so dass wir um 18:15 Uhr, nach 70 zurückgelegten Seemeilen, kurz vor dem Eindunkeln, in der Marina Orikum, der einzigen albanischen Marina, festmachen können. Hier erledigt, im Unterschied zu den öffentlichen Häfen in Albanien, der Hafenmeister alle Formalitäten selbst.

 

Zwar können wir heute mangels Wind nicht segeln. Trotzdem ist diese Fahrt ein ausserordentliches Erlebnis. Lange Zeit sitzen wir bequem vorne auf dem Bug. Fritzli steuert durch das glatte Wasser. Schwärme fliegender Fische kreuzen unseren Kurs. Das Plätschern der Wellen um den Bug wirkt entspannend, beinahe einschläfernd. Der kühlende Wind streichelt unsere Haut. Die imposante Küste mit ihren hohen Bergen zieht gemächlich an uns vorbei. Hier hat die Natur für unsere Phantasie die schönsten Zeichnungen hinterlassen! (Toni und Lina)

 

 

Mo 08.10.2012: Hafentag in Orikum

 

Im Halbschlaf bemerken wir Regentropfen, die an unsere Luken klopfen! Ha, erst recht ein Grund, auszuschlafen! Blauer Himmel und Sonnenschein lassen uns wach werden; wir benutzen den Vormittag, um ASANA vom Hafenschmutz von Sarandë und vielen Salzspritzern zu befreien. Nach dem Brunch sind wir neugierig auf die Stadt Orikum.

Wir finden haufenweise Gemüse- und Früchteläden, Bars, Restaurants, „Lümpä-Lädä“, Markets, jedoch keine Touristen mehr. Wir decken uns mit dem Nötigsten wie Brot, Wein und Gemüse ein. Der Kellner der Bar, in welcher wir Kaffee trinken, stellt sich als Italiener aus Varese vor. Spontan organisiert er einen Kollegen, der uns, ohne irgendein Entgelt anzunehmen, mit seinem Clio zum Hafen zurückfährt!

 

Beim Bezahlen der Hafengebühren anerbietet uns der Mitarbeiter des Hafenmeisters, uns zu einem Restaurant mit albanischen Spezialitäten zu fahren und uns auch wieder abzuholen. Sein Tipp ist absolute Spitze: wir essen erstmals in unserem Leben Lamm vom Spiess, und es ist unserer Meinung nach ein fettarmes, auf natürliche Weise mit vielen Bergkräutern aufgewachsenes Lämmchen. Ein albanischer Kaffee samt Raki (Grappa) rundet diesen harmonischen Abend ab! (Lina und Toni)

 

 

Di 09.10.2012: Überfahrt von Orikum nach Durrës vorbei am den Kaps und Untiefen von Treportit, Semanit, Vjosës und Lagjit

 

42. Fahrttag (62 sm): Der Wecker läutet wie vorgestern um halb fünf! Schlaftrunken bereiten wir ASANA vor, und nach einem ersten Kaffee sind wir um 06.00 Uhr zum Auslaufen bereit. Der Herbst ist nun auch hier im Süden eingezogen, das Thermometer zeigt gerade noch 14 Grad! Über uns strahlt der Orion vom sternenklaren Himmel!

 

Kaum aus dem Hafen, begrüsst uns eine Dünung von fast einem Meter Höhe; sie überschlägt sich am Ufer! ASANA nimmt dies bei halber Fahrt und 5.5 Knoten gelassen hin, für uns hingegen ist es wieder gewöhnungsbedürftig! Die Morgendämmerung färbt die Wolken am Himmel pink. Um 08.00 Uhr verschwindet Vlorë hinter dem Kap Treportit. Der Wind ist zu schwach, um Segel zu setzen. Die Dünung beruhigt sich nach und nach auf etwa 50 cm. Gegen 10 Uhr schaltet das Log auf 1‘700 zurückgelegte Seemeilen im Mittelmeer! Die Küste wird flach und eintönig. Eintönig brummt auch ASANAs Motor. Die Navigation ist einfach; es gilt nur auf Untiefen bei Flussdeltas zu achten. So gönne ich mir ein Schläfchen im Cockpit, während dem Lina steuert.

 

Schliesslich erreichen wir um 17.00 Uhr den Handelshafen von Durrës, den grössten Hafen Albaniens. Einen Yachthafen gibt es hier nicht. Ein Lotse weist uns zu einem Platz an der hohen, schmutzigen Quaimauer zwischen Riesenkranen, Schleppern und Frachtern. Spontan hilft uns eine Gruppe von Hafenarbeitern feim Festbinden von ASANA. Bald schon steht auch hier der Agent am Quai, um die Hafenformalitäten zu erledigen. Für diese Dienstleistung inkl. der ersten Übernachtung kassiert er sage und schreibe 60 Euro! Ohne eine minimale Infrastruktur wie Elektrisch, Wasser usw.! Linas feine Polenta lässt uns dies schnell vergessen. Müde sinken wir bereits kurz nach 21.00 Uhr in die Kojen. Auch der laute Generator des hinter uns liegenden Frachters kann uns nicht am 11- bis 12-stündigen Schlaf hindern! (Toni)

 

 

Mi 10.10.2012: Hafentag in Durrës

 

Wir nutzen den Hafentag für Einkäufe, eine Stadtbesichtigung, Mails und Homepage in einer Bar bearbeiten. Daneben bestaunen wir die Betriebsamkeit im Handelshafen. Gerade wird der Getreidefrachter neben uns entladen. Tonnenweise schüttet der Kran den Weizen über riesige Trichter in Lastwagen. Dutzende von LKWs stehen bereit. Die Luft ist vom Getreidestaub geschwängert. Am Abend kommt Sabit zu einem Glas Wein auf ASANA. Er hat 20 Jahre in Varese gearbeitet, spricht sehr gut italienisch und ein wenig deutsch. Sabit ist Staplerfahrer im Zementmagazin und verdient im Monat nur € 500.00, hat aber eine Frau und zwei Kinder zu ernähren! Von ihm erfahren wir vieles über die Lebensweise der einfachen albanischen Menschen. Mit vielen guten Wünschen verabschieden sich Sabit und weitere fünf Magazinarbeiter von uns. (Toni)

 

 

Do 11.10.2012: Herrliche Segelfahrt von Durrës nach Shengjin

 

43. Fahrttag (38 sm): Rund ein Dutzend Hafenarbeiter rufen und winken uns beim Auslaufen um 08.20 Uhr zu! 20 Minuten später setzen wir die Segel, eine Stunde später glättet sich die See. Von hinten nähert sich uns mit beeindruckendem Tempo ein grosses Fischerboot. Wir bergen die Fock, starten den Motor und wollen schon das Weite suchen, als wir merken, dass das laute Geschrei der Fischer uns gilt, resp. vermutlich der Schweizer-Flagge. Die Männer jubeln und werfen die Arme hoch wie in einem Fussball-Match! Dann dreht das Schiff ab, und wir geniessen eine herrliche Fahrt unter Motor mit Gross-Segel-Unterstützung und Autopilot. Blauer Himmel, blaues Wasser, keine Wellen, keine Schiffe! Einfach sein!

 

Kurz nach 13.00 Uhr sichten wir die Küste von Montenegro. Wir setzen jetzt auch die Fock und segeln ganz gemütlich bei einer Windstärke von 2 bf bis vor den Hafen von Shengjin. Hier werden wir sehr herzlich empfangen durch Agent Frrok und einen Polizisten. Kaum richtig festgemacht, lädt uns Herr Frrok zu Kaffee und einem einheimischen Lissus-Bier ein und kassiert die fälligen 50 Euro für seine Dienstleistung und die Hafengebühr. Die Konversation wird in Englisch geführt, da muss ich mich schon sehr anstrengen!

 

Unser ursprünglicher Plan, morgen Freitag weiter nach Bar, unserem Ziel in Montenegro, zu fahren, gerät während der Unterhaltung beim Zusammenhöckeln arg ins Wanken. Agent Frrok teilt uns mit, dass das Hafenamt alle Fischer angewiesen habe, in den Hafen zurückzukehren, weil in der Nacht und morgen Freitag ein überaus starker Südwind zu erwarten sei. Wenn die Fischer als Profis im Hafen bleiben, sollen wir dann mit unserem 10-m-Boot Gott versuchen? Nein, wir stellen uns darauf ein, morgen die kleine Stadt Shengjin zu besichtigen, am Samstag die hohe Dünung abzuwarten und halt erst am Sonntag oder Montag, sofern Wind und Wetter stimmen, aufzubrechen.

 

Ein kleines Detail: Herr Frrok versieht seinen Dienst als Agent in Shengjin seit dem Umschwung vor 16 Jahren und stellt fest, dass ASANA die erste Segelyacht unter Schweizer Flagge ist, welche den Hafen von Shengjin in Albanien angelaufen hat! (Lina)

 

 

Fr 12.10.2012: Abschied von Albanien

 

Mirupafshim Albania! Wir haben uns hier sehr wohl, willkommen und auch sicher gefühlt. Ein schönes, abwechslungsreiches Land mit lieben und ausserordentlich gastfreundlichen Menschen, welche uns sehr überrascht haben! Schade, wir wären eigentlich gerne noch länger geblieben.

 

Erst zu Hause erfahren wir im Rahmen eines Dokumentarfilms am 13. November 2012 in Bern, eingeladen durch die albanische Botschaft, dass Albanien als eines der ärmsten Länder in den dreissiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts das einzige Land in Europa war, in welchem die Juden Zuflucht finden konnten. Die albanische Bevölkerung hat rund 2000 jüdische Menschen vor der Verfolgung und damit vor dem sicheren Tod durch die Nazis gerettet. Sie versteckten sie, und die Behörden stellten den Verfolgten zu ihrem Schutz sogar albanische Ausweise mit albanischen Namen aus! Dies während der Okkupation durch die italienische und die deutsche Armee! Davon profitierte auch Albert Einstein für seine Flucht nach Amerika! Eine bewundernswerte humanitäre Leistung, von welcher wir bisher überhaupt nichts wussten! Wir erfahren auch, dass im albanischen Kanun steht, dass das Haus der Albaner Gott und den Gästen gehöre. Danach würden Albaner es vorziehen zu sterben, statt einem Gast Unrecht geschehen zu lassen! Der Filmproduzent sagte: „Wenn alle Länder sich so wie Albanien verhalten hätten, hätte es keinen Holocaust gegeben!“

 

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